Stefans Homepage

Roman


Ich schreibe nicht nur Gedichte sondern auch Geschichten. Gewissermaßen hat dies bei mir schon eine lange Tradition. Mit sieben Jahren habe ich offiziell meine erste Geschichte verfasst. Natürlich habe ich im Laufe der Jahre dazugelernt und neue Erfahrungen gewonnen. Von 2000 bis 2004 nahm ich erfolgreich an dem Autorenlehrgang "Die Große Schule des Schreibens" an der Axel Andersson Akademie teil. Trotz einiger Anstrengungen ist es mir leider bisher noch nicht gelungen meinen neuen Roman "Schatten der Nacht" zu publizieren. Hier biete ich eine kleine Lesekostprobe des Prologs und des 1. Kapitels an. Es ist noch nicht ganz veröffentlichungsreif. Wenn Sie  also beim Lesen Fehler finden oder die Geschichte nicht stimmig ist, mailen Sie mir das unter steve.fr@gmx.de Ich freue mich auch über kritische Äußerungen.

Zum Roman Schatten der Nacht:
Der Präsident von Königsland plant einen politischen Neuanfang, den er aber alleine unmöglich schaffen kann. Dafür zieht er den jungen, beliebten Unternehmer Michael Steinberg ins Boot. Die Journalistinnen Dora und Dina Winter dagegen stolpern über einen merkwürdigen militärischen Vorfall, in den General Weissendorn verwickelt ist. Ihre Recherchen bringen die beiden an den Rand des Abgrunds. Auch Susanne Wiesenhof, Michaels Freundin, muss unabhängig davon feststellen, dass es bedrohliche Entwicklungen in Königsland gibt. Als die Journalistinnen Michael Steinberg kontaktieren und er auf eigene Faust zu ermitteln beginnt, überstürzen sich die Ereignisse. Können die Vier Königsland vor dem Regierungsumsturz noch retten?

Hier ist der Prolog und das erste Kapitel meines ersten Romans:

Schatten der Nacht

Prolog:


5. November 1898

Dunkelheit lag über Königsstadt. Nur sanftes Mondlicht erhellte die vornehme Villa im reichen Stadtteil Hohenthal. Die Fenster des Hauses waren verdunkelt und die Gardinen zugezogen. Nur aus einem Fenster im 1. Stock drangen einige Lichtstrahlen hervor.

Hinter diesem Fenster wachte der treue Diener des Hauses am Bett seines Dienstherrn, der in seinen letzten Atemzügen lag. Die Frau des Weltmannes war längst gestorben und des­sen Sohn hatte sich von ihm losgesagt, so dass der Diener der einzige war, der bis zum Ende ausharrte.

Plötzlich schreckte er aus seinen Gedanken auf, denn die Augen des Hausherrn hatten sich bewegt. Offenbar wachte er noch einmal auf wahrscheinlich das letzte Mal.

„Soll ich Ihnen etwas bringen?“, fragte der Diener eifrig.

„Ja“, antwortete der Sterbende. „Öffne die unterste Schublade meines Schreibtisches und hole mir die Unterlagen!“

Der Diener beeilte sich und ging quer durch den Raum zu dem blank polierten Mahagonischreibtisch. Er öffnete die Schublade, nahm einen vertrauten Stoß Papier hervor und brachte sie ihm. Als er ihn seinem Herrn übergeben hatte, sah ihn dieser eindringlich an. Bei diesem Blick voller Entschlossenheit lief es dem Diener kalt den Rücken hinunter. Es war, als wäre der Raum finsterer als die Dunkelheit, die draußen über der Stadt lag.

„Ich werde jetzt sterben, aber sorgen Sie dafür, dass der Plan in die Tat umge­setzt wird!“, sprach der Hausherr entschlossen. „Es muss etwas geschehen! Die Menschheit muss endlich von der Geißel der Rückständigkeit befreit werden! Und wenn es noch hundert Jahre dauern sollte. Es wird geschehen!“

Der Diener zitterte: „Ja, mein Herr. Aber wie soll ich das alleine schaffen?“

„Die Pläne werden bald veraltet sein“, sprach der Hausherr. „Deshalb weihe vertrauenswürdige Personen ein, die sie erneuern und verbessern. Versuche deine Söhne und meinen Sohn für die Sache zu gewinnen. Du wirst sehen. Eines Tages wird es funktionieren. König Balduin ist zu schwach. Er hat zu wenig Durchsetzungsvermögen. Läge ich jetzt nicht im Sterben, wäre der Plan bald ausgeführt.“

Mit letzter Kraft richtete er sich auf: „Also werden Sie oder einer unserer Nachfahren den Plan ausführen. Das müssen Sie mir schwören!“

„Ich schwöre, ich werde alles tun, was möglich ist“, antwortete der Diener, der sich sehr unwohl in seiner Haut fühlte.

„Und was unmöglich ist“, fügte der Hausherr hinzu. Plötzlich sank er rückwärts in sein Bett zurück. Sein Atem verebbte. Ein großer Mann war tot.

Dem Diener war elend zumute. Er wusste, dass er den Auftrag ausführen musste, doch die Ausführung schien ihm geradezu unmöglich.

So brachte er die Unterlagen ins Dachgeschoss des Hauses und versteckte sie zusammen mit Ge­rümpel in einer alten hölzernen Truhe. Dann ging er nach unten und rief den Leichenwagen.

 

1. Die Begegnung

 

Samstag, 1. August 1998

Im finsteren Schönwald konnte man das Stapfen vieler Stiefel vernehmen. Rhythmisch schritten die Eindringlinge durch das knackende Unterholz voran,

bis ihr Anführer auf einer kleinen Lichtung stehen blieb. Das Licht der Sterne und des Mondes erhellte den Platz nur spärlich, aber die Männer waren mit Ta­schenlampen ausgerüstet.

Der Befehlshaber drehte sich zu ihnen um. Dann rief er: „Lange hat es gedauert, doch jetzt ist es soweit. Die geheime Anlage zu bauen ist ein sehr gewagtes Unterfangen, doch wir werden es schaffen! Und ihr werdet hier Stellung beziehen und den Bau bewachen.“

Dann gab er seinen Offizieren Anweisungen: „Einige unserer Männer bauen die Zelte auf; die anderen roden das Gestrüpp zum Weg, um eine Durchfahrt für die Lastwagen zu ermöglichen und die letzten bilden die Beobachtungsposten!“

Der Anführer nahm jetzt seinen Feldwebel beiseite. „Und wir sehen uns alle strategischen Geländepunkte an. Für den Notfall.“

Damit verließen sie die Lichtung.

Erst im Morgengrauen hörten die Männer mit ihrer Arbeit auf und begaben sich in ihre Tarnzelte. 


Sonntag, 2. August

Susanne Wiesenhof verließ ihre Dreizimmerwohnung, die sie mit einer Freun­din teilte. Doch als sie die Tür abschließen wollte, kehrte sie wieder um und ging ins Bad um zu kontrollieren, ob ihre Frisur in Ordnung war und das Make-up zu dem Ballkleid passte, das sie sich heute angezogen hatte. Heute könnte ihr großer Tag werden, das hatte sich die verträumte Einundzwanzigjährige vor­genommen. 

Susanne, die von allen nur Susi genannt wurde, sah in den Spiegel und strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht. Ja, alles passte. Sie sah attraktiv aus. Auch das  rotfarbene Kleid, das sie von ihrer Mitbewohnerin ausgeliehen hatte, schien für diesen Zweck bestimmt zu sein.

Zufrieden ging Susi zur Tür und schloss endlich ab. Ihre Wohnung lag in dem Stadtteil Blumenthal, der überwiegend von der mittleren Bevölkerungsschicht Königsstadts bewohnt wurde. Allerdings war es der untere Teil der Mittelschicht, der hier vorwiegend in mehrgeschossigen Mietshäusern lebte.

Und sie wollte liebend gerne weg von hier. Im Westen lebten die Reichen und Prominenten im Stadtteil Hohenthal. Und sie wäre gerne einer von ihnen gewesen.

Doch leider war sie in keinem wohlhabenden Elternhaus geboren worden. Ihr Vater war ein einfacher Touristenführer in der Hafenstadt Seeheim. Nach der Schule war Susi von zu Hause ausgezogen, da es in Königsstadt scheinbar noch freie Ausbildungsstellen gab. Und Susi war durchaus für einen Büro oder Verwaltungsjob qualifiziert. Doch hatte sich die Hoffnung in Luft aufgelöst. Für keinen Job ihrer Wahl gab es noch freie Ausbildungsstellen und da sie nicht wie ihr Vater Touristenführerin werden wollte, wartete sie nun und jobbte hier und da. Im Augenblick hatte sie einen Job im Hotel Excelsior, zu dem ihr ihre Freundin Meike verholfen hatte. Aber ihre Wohnung und das Auto nahmen ihr soviel Geld weg, das am Ende des Monats oft nicht viel übrigblieb.

Susi schloss ihren Fiat Panda auf, der vor der Haustür am Straßenrand parkte. Dann startete sie den Motor, fuhr los und verließ den Rotkehlchenweg in Richtung Stadtzentrum.

Susi steuerte den Wagen über den Promenadenweg durch die prunkvolle Geschäfts- und Bankenlandschaft. Sie kam an Ministerien, teuren Hotels und exklusiven Geschäften vorbei. An der „Bank von Königsland“ bog sie nach rechts auf die Lindenallee. Hier bot sich  ihr dasselbe Bild. Auf der rechten Seite befand sich das Hotel Excelsior in dem sie jobbte. Doch sie fuhr an ihm vorbei.

Königsland war reich und das spiegelte sich in der Hauptstadt des Zwergstaates wieder. Ein Viertel der Bürger war als reich zu bezeichnen, was einen enormen Prozentsatz ausmachte, doch davon bekam der Mittelstand wenig ab. Wohlgemerkt der Mittelstand, denn Arme gab es hier offiziell nicht. Zumindest keine, die Bürger des Landes waren. Abgesehen von der Siedlung, die östlich der Stadt lag und von Ausländern bewohnt wurde, welche in den riesigen Fabriken des Industriegebietes arbeiteten und auf die sich der Reichtum des Landes gründete.

Ja, Königsland war reich und es zog reiche Touristen an. Weniger begüterte Touristen konnten sich die horrenden Preise für eine Nacht in einem der vielen Hotels nicht leisten. Sie kamen dann nur für einen Tag und gaben ihr Geld größtenteils in den Spielcasinos aus.

Die Touristen, die es sich leisten konnten, machten gerne Urlaub an der Küste Königslands, bevorzugt in Seeheim. Ansonsten gab es in Königsland nicht mehr viel Sehenswertes. Es gab einige verstreut liegende Dörfer und den im Süden liegenden Schönwald, der aber kaum von Touristen aufgesucht wurde. Letzterer war aber Susis Ziel.

Sie fuhr die Lindenallee entlang, die, als der Stadtteil Waldberg begann, nun in die Waldstraße überging. Am Ende der Straße begann ein gut ausgebauter Waldweg, der normalerweise einsam gewesen wäre, hätten ihn nicht Dutzende von Autos, Taxen und Bussen  bevölkert. Überdurchschnittlich viele Edelkarossen bewegten sich hier entlang, aber auch viele Mittelklasse- und Kleinwagen waren unterwegs.

Susis Ziel war Gut Waldstein, das abgelegen im Wald lag und in dem das sehr begehrte Volksfest stattfand, zu dem der reiche Gutsbesitzer Oswald Bauer eingeladen hatte. Erfreulicherweise hatte Susi eine Eintrittskarte erwerben können, im Gegensatz zu ihren Freundinnen. Sicher waren sie jetzt neidisch auf sie. Denn auf der Feier war die gesamte Prominenz Königslands vertreten, wenn sie auch getrennt von den etwa 1000 Glücklichen der Mittelschicht feiern würden, die eine Eintrittskarte ergattert hatten. Für die Normalbürger war der riesige Park mit seinen vielen Pavillons geöffnet. Die Prominenten und Reichen dagegen feierten im Gutshaus, das vielmehr einem kleinen Schloss glich. Abends würde ein Rock- und Popkonzert stattfinden und dann die Absperrung zwischen Normalbürgern und Prominenten weggeräumt werden, wenn der Präsident eine Rede hielt.

Nun tat sich endlich vor Susi das Gelände des Gutes auf der linken Seite auf. Große Zäune und Mauern, sowie dichtes Buschwerk hinderten sie daran einen Blick auf das Gelände werfen zu können. Auf der rechten Seite lag der Schönwald mit seinen alten, knorrigen Buchen. Mittlerweile ging es nur noch mit Schrittgeschwindigkeit vorwärts. Nach einer Weile tat sich rechts ein riesiger Parkplatz auf, den bereits viele Autos bedeckten. Busse hielten an und ließen ihre menschliche Fracht frei. Taxen hielten oder fuhren weiter zum Haupteingang. Ein Parkeinweiser winkte Susi weiter. Es dauerte eine Weile bis einer von den Blauuniformierten ihr eine Parklücke zeigen konnte. Susi stieg aus, sorgsam bedacht, dass ihr Kleid nicht mit dem schmutzigen Boden in Berührung kam.

Zielstrebig wollte Susi losgehen, als die raue Stimme eines Parkwächters sie zurückrief.

„Sie haben die Parkgebühren noch nicht bezahlt“, sagte er bestimmt.

„Muss ich das denn?“, fragte Susi erstaunt.

„Aber sicher, wer sollte denn sonst den ganzen Aufwand hier bezahlen. Wenn hier niemand bezahlen würde, wären unsere Dienste ja überflüssig!“ 

Susi dachte insgeheim, dass ihr die Dienste der Blauuniformierten völlig egal waren, unterließ es aber. Sie ging auf ein Kassenhäuschen zu, schluckte, als sie die Preise sah und bezahlte zähneknirschend. Anschließend brachte Susi den Parkschein zum Auto und legte ihn auf das Armaturenbrett. Sie ging zurück überquerte die Straße und stellte sich in der langen Menschenschlange an, die vor dem Park warteten. Zwei muskulöse Wachmänner kontrollierten die Eintrittskarten. Nach einer halben Stunde kam Susi an die Reihe.

„Zeigen Sie ihre Eintrittskarte!“, befahl der linke Wachmann.

Susi zog ihre aus der Tasche und gab sie dem Mann.

Dieser betrachtete die Karte und sagte dann: „Die ist gefälscht. Vom Schwarzmarkt oder so. Tut mir Leid wir können Sie nicht reinlassen.“

„Moment, das kann doch nicht sein. Ich habe sie selber gekauft“, rief Susi verzweifelt. All ihre Träume, all ihre Hoffnung auf diesen Tag schienen sich zu zerschlagen.

„Gehen Sie zur Seite!“, brummte der Wachmann. „Dort warten noch mehr Menschen auf den Eintritt. Solche mit echten Karten.“

Wie betäubt ging Susi am Zaun entlang, weg von dem Eingang. Sie stand auf der anderen Seite des gelobten Landes und konnte nicht hinein. Wie ein Staudamm brachen in ihr Gefühle auf, die sie vorher nie so stark gespürt hatte. Mit der Kraft und aller Entschlossenheit ihres Herzens wollte sie hinüber und konnte es nicht. Eine Weile suchte sie nach Löchern im Zaun, aber es war ein sinnloses Unterfangen. Desillusioniert sah sie zurück, wie der Besucherstrom langsam abebbte. Sogar die Wächter verließen ihre Posten und gingen hinein. Mit Tränen in den Augen stand Susi allein gelassen da.

 

Michael Steinberg ließ sich in einer Sitzecke der Villa Waldstein nieder. Er betrachtete, wie würdevolle Herren und geschmackvoll gekleidete Damen einander begrüßten und sich angeregt unterhielten. Fast die gesamte Prominenz Königslands und darüber hinaus war hierher gekommen. Glücklicherweise war Sibilla Weissendorn, seine Ex-Freundin, nicht darunter. Sie hätte ihm sicher das Fest verdorben.

Michael stand in Verbindung mit Oswald Bauer, dem Gutsbesitzer, auf dessen Grund das Volksfest stattfand. Oswald war sein väterlicher Freund. Nach dem Tod seiner Eltern hatte sich dieser viel um ihn gekümmert.

Michael war in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, doch mittlerweile hatte er sich mit seinen 28 Jahren eine Schnellimbisskette aufgebaut. Dabei hatten sein genialer Verstand, sein Umgang mit Geld und einige Kredite von Oswald beigetragen. Mit 25 hatte er mit einem Schnellrestaurant begonnen und mittlerweile im ganzen Land Filialen eröffnet. Durch diese Marktlücke hatte er schnelles Geld gemacht. Alle strömten in die Steinberg`s Restaurante, ob jung oder alt, ob reich oder weniger begütert. Mit pausenlosem Einsatz hatte er ein Unternehmen hoch gebracht. Michael war auch der beliebteste Unternehmer im Land und der gutaussehnendste und heißbegehrteste Junggeselle. Doch nach der Beziehung zu Sibilla wollte er so rasch keine mehr beginnen. Und trotz allem, was er erreicht hatte, fühlte er sich innerlich leer. Da war ein bodenloses Loch in ihm, das ihn hineinsog, wenn er sich zu oft damit befasste. Er hatte niemanden mit dem er darüber reden konnte. Auch nicht mit Oswald.

Doch dann schob Michael die Gedanken beiseite. Es war Sommer und dieses Fest sein Höhepunkt.

Banker, Adelige, Schauspieler, Fabrikanten, Sänger und Journalisten kamen vorbei. Und sie grüßten freundlich, wenn sie ihn sahen.

Dann erhob sich Michael und ging ins Foyer, denn der Präsident wurde angekündigt. Dort wartete bereits eine Reihe von Gästen, die ebenfalls von dessen Ankunft gehört hatten.

Präsident Gerhard Boss war mit seinen 41 Jahren noch recht jung. Er war von eindrucksvoller Statur und nicht leicht durchschaubar. Seine Politik ließ Geldwäsche und Korruption zu, was ihn beim einfachen Volk unbeliebt machte. Und in weniger als zwei Monaten waren Neuwahlen. Allerdings hatte er auch keine politischen Gegner, da sich diese alle aus der Politik zurückgezogen hatten. Trotzdem konnte er abgewählt werden, wenn bei der Wahl die Mehrheit der Bürger gegen ihn stimmte. Dann musste seine Partei einen oder mehrere neue Kandidaten aufstellen, die dann bei einem zweiten Wahlgang gewählt werden konnten.

Präsident Boss betrat nun den Landsitz. Sein schwarzer, maßgeschneiderter Anzug passte ihm perfekt. Dazu trug er eine hellblaue Krawatte aus feinster Seide. Rechts neben ihm ging General Gustav Weissendorn, Sibillas Vater. Mit seinen 60 Jahren gehörte er noch nicht zum alten Eisen, sondern kannte sich auf sämtlichen Gebieten des Militärs und der Politik aus. Er war der militärische Berater des Präsidenten und der krasse Gegensatz zu diesem. Während Präsident Boss immer mal wieder lächelte, schaute Weissendorn nur mit stahlhartem Blick drein. Seine Erscheinung, das graue Haar eingeschlossen, hätte den Eindruck eines weisen Menschen vermitteln können, wäre da nicht dieser kalte Blick gewesen.


Oswald Bauer trat dem Präsidenten freundlich und aufgeschlossen entgegen.

„Es freut mich Sie auf meinem Landsitz begrüßen zu dürfen“, sprach er zum Anfang.

„Mich freut es auch, dass ich an diesem Volksfest teilnehmen darf“, sagte der Präsident augenzwinkernd.

Nach der Begrüßungsszene löste sich die kleine Versammlung wieder auf. Die Gäste verteilten sich wieder in verschiedene Räume oder auf die große Terrasse, nahmen an Sitzecken Platz und unterhielten sich miteinander. In einer Ecke hatte sich eine kleine Traube Menschen um Präsident Boss versammelt.

Da Michael ihn noch besonders gut kannte, stellte er sich dazu. Boss gestikulierte mit seinen Armen und rief aufgeregt: „Eine neue Zeit für unser Land wird beginnen. Schluss mit Korruption und Geldwäsche! Endlich werden wir dem ein Ende setzten.“

Michael fragte sich warum Boss erst so kurz vor der Wahl auf diesen Gedanken gekommen war.

Doch dieser sprach weiter: „Wir werden die Wirtschaft ankurbeln und den Gewinn gerechter aufteilen. Alles wird anders. Es beginnt eine neue Zeit.“

Michael mischte sich unter die debattierende Gruppe und legte seine Standpunkte dar. Präsident Boss war aber keineswegs verärgert darüber, sondern schien ihn mit Wohlwollen zu betrachten. Plötzlich schlug die Stimmung in der Gruppe zu einer Zustimmung für den Präsident Boss um. Ja, diesmal würde alles anders werden. Der einzige, der sich immer noch kalt und berechnend umsah, war der General, der nicht von der Seite des Präsidenten gewichen war.

Boss hob wieder an: „Ja, es wird einen Neuanfang für unser Land geben und heute ist erst der Anfang.“

 

Lachend gingen Dora und Dina Winter an den einzelnen Menschentrauben vorbei durch die Villa. Es war eine völlig neue Situation für die Schwestern, die  beide Journalistinnen waren. Sie waren zum ersten Mal auf dem Sommerfest, das alljährlich auf Gut Waldstein stattfand. Ihre Aufgabe war es für die “Königsstadt Allgemeine Zeitung“ über das Volksfest zu berichten. Es war eine überaus große Ehre, dass die beiden aufstrebenden Journalistinnen dafür ausgewählt worden waren, denn Dora arbeitete nach ihrem Journalistikstudium erst seit einem Jahr für die Allgemeine und Dina hatte gerade erst begonnen. Aber Harry Hans, der Chefredakteur der Zeitung, hatte recht bald das Talent der beiden Schwestern entdeckt und sie heute mitgenommen.

Dora und Dina teilten sich zwar den Beruf, waren aber durchaus unterschiedlich. Das spiegelte sich auch in ihren Aufgabenbereichen wider. Sie arbeiteten zusammen. Dora war außerdem eine ausgezeichnete Fotografin und schoss, da sie den Blick für das Besondere hatte, die Fotos für die Artikel. Dina dagegen hatte mehr die Menschen im Auge und führte die Interviews. Abwechselnd schrieben sie dann die Artikel, aber dies war der größte Auftrag ihrer bisherigen Karriere.

Auch im Aussehen unterschieden sich die 24-jährige Dina und die 25-jährige Dora voneinander. Dora hatte glattes, rabenschwarzes Haar, dagegen besaß Dina kastanienbraune Locken. Dora war ein ordentlicher Mensch, während es Dina eher chaotisch liebte. Das führte manchmal zu Auseinandersetzungen, die aber am Ende immer friedlich ausgingen.

Heute hatten sie sich festlich angezogen und auf  Jeans verzichtet, die sie sonst immer trugen.

Es war ein großer Tag für die Schwestern und Harry Hans setzte große Erwartungen an sie. Wahrscheinlich hatte er den beiden wegen ihrer vielseitigen Einsetzbarkeit den Auftrag gegeben. Und er wusste, dass er auf sie zählen konnte.

Dora und Dina waren aber keinesfalls überheblich, wegen der Gelegenheit, die sich ihnen bot. Sie wollten nicht mehr als gute Arbeit leisten und blieben auf dem Boden der Tatsachen.

Doch erst einmal brauchten sie noch nicht heran. Das wichtigste am Abend war die Rede des Präsidenten und bis dahin durften sie sich hier vergnügen. Bisher hatten sie auch mit den anderen Gästen gescherzt und gelacht.

Doch jetzt strebten die Journalistinnen auf eine ganz bestimmte Sitzecke im Jagdsalon zu, denn ihr Chefredakteur hatte sie rufen lassen.

Im Jagdsalon waren an den Wänden dutzende Geweihe und ausgestopfte Hirschköpfe befestigt. Teure Perserteppiche und den Boden bedeckende kostbare Bärenfelle, ergänzten die Einrichtung.

Endlich hatte Dora Harry Hans entdeckt. Dieser hatte die beiden auch gesehen, stand auf und trat auf sie zu.

„Ich habe etwas für euch, Mädels“, sprach er fröhlich. „Der Präsident hat einen Neuanfang für Königsland angekündigt. Darum solltet ihr euch besser kümmern. Boss hält sich gerade im Gelben Salon auf.“ 

Der Chefredakteur der staatlichen Zeitung, die nebenbei die Wichtigste im Land war, füllte seinen Posten schon seit einer Reihe von Jahren aus. Mit seinen 51 Jahren war er noch genauso agil, wie am Anfang seiner Karriere. Sein Haar hatte er blond gefärbt, um die grauen Strähnen zu verbergen. Er war eine stattliche Erscheinung und wer sein wahres Alter nicht kannte, hätte ihn jünger eingeschätzt.

„OK, packen wir's an“, sagte Dina und die Schwestern zogen los.

Unterwegs trafen sie auf eine bekannte Schauspielerin. Dora zog Dina am Ärmel, da sie wusste, dass sie Dina sonst nicht mehr wegbekommen könnte.

Im gelben Salon stand eine große Menschenmenge um den Präsidenten herum. Da sie zu spät gekommen waren, fragte Dina einen Umstehenden nach dem Inhalt der Rede, die Boss gehalten hatte. Dora fotografierte den Präsidenten, während sich Dina Notizen machte. Dabei fielen Dora die eiskalten Augen des General Weissendorn auf. Als sich die Menschenmenge zerstreut hatte, fragte Dora ihre jüngere Schwester.

„Hast du die Augen von General Weissendorn gesehen, der die ganze Zeit neben Präsident Boss stand?“  

Dina nickte: „Ganz anders sah der junge attraktive Mann in der Menschenmenge rechts des Präsidenten aus. Schade eigentlich, dass man nicht in die Herzen der Menschen sehen kann.“

 

Aller Hoffnungen beraubt, wartete Susi schon seit einer ganzen Stunde vor dem Zaun des Gutshauses. Vom Park drang fröhliches Gelächter zu ihr herüber, nur sie stand völlig alleingelassen hier. Traurig starrte sie auf die andere Seite, während zum bestimmt zwanzigsten Mal der Parkplatzwächter seine Runden zog und spöttisch zu ihr herüberlächelte.

Plötzlich hörte sie eine helle Jungenstimme neben ihr: „Möchtest du auch rein?“

Susi sah sich um und entdeckte einen etwa achtjährigen Jungen mit blondem Haar. Sie bückte sich zu ihm herab und sagte: „Ja, aber ich habe leider keine Eintrittskarte.“

Susi sah sich den Jungen an. Er trug einfache Kleidung.

„Das macht nichts, die habe ich auch nicht“, antwortete der Junge fröhlich. „Übrigens; ich in der Uli und wer bist du?“

„Ich bin Susanne, aber meine Freunde nennen mich Susi“, antwortete sie.

„Oh, meine Mutter hieß auch so“, stellte Uli fest.

„Sie hieß? Lebt sie etwa nicht mehr?“, fragte Susi nach.

„Meine Eltern starben bei einem Autounfall.“ Die Stimme des Jungen klang traurig. „Aber ich wohne bei meinem Onkel.“

„Und warum bist du hier alleine?“, fragte Susi.

„Weil ich rein will“, sagte der Junge wie selbstverständlich.

„Aber ich habe alles schon versucht“, seufzte Susi. „Es gibt keine Löcher im Zaun.“

„Dann nehmen wir doch die Hofeinfahrt“, überlegte Uli.

Susi wollte etwas dagegen einwenden, doch der Junge nahm sie an der Hand und zog sie mit. Da Uli so überzeugt war, dass es klappen könnte, ging Susi mit.    

An der Hofeinfahrt, wo nur geladene Gäste eingelassen wurden, standen meh­rere Wächter und vertrieben sich die Zeit. Als sie das ungleiche Paar sahen, ver­stummten sie und gingen zur Seite.

Susi sah Uli an. Wer war der Junge, dass ihn die Wächter so einfach hereinließen? Susi konnte es nicht fassen. Sie stand auf dem mit Nobelkarossen vollbe­parkten Hof des Gutshauses, den nur Prominente betreten durften.

„Was verheimlichst du mir?“, fragte Susi den Jungen. „Warum haben uns die Wächter hereingelassen?“

Stolz verkündete Uli: „Das alles gehört meinem Onkel.“

„Oswald Bauer ist dein Onkel?“, fragte Susi erstaunt.

Doch Uli riss sich von ihr los und lief in die Villa. Und Susi blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu fol­gen.

 

Michael und Oswald waren tief ins Gespräch vertieft, als Präsident Boss an sie herantrat.

„Könnte ich Sie einen Augenblick allein sprechen?“, fragte er und wies auf Michael.

„In Ordnung“, sagte dieser und stimmte zu. Er entschuldigte sich bei Oswald und ging mit dem Präsidenten in ein Nebenzimmer. Was wollte Boss von ihm? Obwohl sie sich schon öfter mal gesehen hatten, war es noch nicht zu einem persönlichen Gespräch gekommen.

„Sie fragen sich sicher, warum ich Sie alleine sprechen möchte“, sagte Boss freundlich. „Aber bevor ich damit loslege, frage ich erst einmal wie Sie über den Neuanfang denken?“

„Ich denke, dass es eine gute Gelegenheit für Königsland ist, seinen Ruf zu verbessern“, formulierte Michael vorsichtig seine Antwort.

„Das ist richtig“, sagte Boss, „Und da kommen Sie ins Spiel.“

Michael sah gespannt drein. Was würde jetzt kommen? 

„Sie haben in kürzester Zeit eine Restaurantkette aufgebaut. Davor haben Sie in der “Bank von Königsland“ in einer führenden Position gearbeitet“, lobte Boss. „Sie können gut mit Management und Geld umgehen. Daher habe ich an Sie gedacht. Ich suche nämlich neue Mitglieder für die Regierung und für das Amt des Finanzministers sind Sie hervorragend geeignet!“

Michael prustete vor Überraschung auf: „Aber ich besitze auf diesem Gebiet doch keinerlei Erfahrung. Außerdem bin ich dafür noch zu jung.“

„Sagen Sie das nicht!“, entgegnete Boss, „Sie sind geeigneter als ihre Vorgänger.“

„Aber ich gehöre keiner Partei an“, entgegnete Michael eifrig. „Und ich bin völlig in mein Geschäft involviert.“

„Das lässt sich ändern.“

Boss lächelte.  „Und Ihre Geschäfte kann ein Geschäfts­führer weiterführen. Ich kenne da einige hervorragende. Und außerdem bekom­men Sie Berater zur Seite gestellt.“

„Und meine Manager sollen von Staatsgeldern finanziert werden?“, fragte Michael skeptisch zurück.

„Nein, natürlich nicht“, entgegnete der Präsident grinsend, als hätte Michael einen guten Witz erzählt. „Aber bei Ihrem neuen Gehalt, werden Sie sich auf jeden Fall einen Geschäftsführer leisten können. Dazu gäbe ich Ihnen freie Hand über alle finanziellen Belange des Staates und mögliche Reformen.“

Der Gedanke gefiel Michael. Wenn er diese Möglichkeit wahrnahm, konnte er etwas an den Missständen in Königsland ändern.

„Ich habe bereits General Weissendorn für das Amt des Verteidigungsministers gewinnen können, das er dann mit dem Posten des ranghöchsten Generals bekleiden wird.“ 

Das war in Königsland keine Ungewöhnlichkeit. Regierungsmitglieder durften bis zu zwei Ämter besitzen und falls sie ein Unternehmen besaßen, dieses auch weiterführen.

Aber dass General Weissendorn der neuen Regierung mit angehören sollte, war kein positives Argument für die Sache, die Boss vertrat.

„Alfred von Hohenburg, der Polizeipräsident, hat ebenfalls zugesagt und Os­wald Bauer will eventuell das Amt des Landwirtschaftsministers übernehmen“, fuhr Boss fort.

Das klang schon viel besser. Aber warum hatte Oswald ihm davon noch nichts erzählt. Wahrscheinlich hatte Boss ihn auch eben erst darauf angesprochen.

„Ich werde darüber nachdenken“, versprach Michael. „Aber wenn Ihnen dieser Neuanfang wirklich ernst ist, stehe ich für das Amt des Finanzministers gerne zur Verfügung.“

Dies war die Herausforderung, auf die er gewartet hatte. Seine Schnellimbiss­kette war im ganzen Land aufgebaut worden und an eine Ausweitung ins Aus­land war derzeit noch nicht zu denken. Aber als Finanzminister konnte er zu­sammen mit der neuen Regierung etwas Gutes bewirken. Und das würde posi­tive Auswirkungen auf ihn haben. Vielleicht konnte ihn diese Aufgabe die Er­füllung geben, die er sehnsüchtig suchte.

„Ich wusste, dass ich auf Sie zählen kann“, sagte Boss und drückte ihm die Hand. Ein Lächeln lief über sein ganzes Gesicht.  

„Entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss heute noch weitere Gespräche führen“,  sagte der Präsident und ließ Michael mit seinen Gedanken allein.

 

Dora ging über die aus Marmorplatten bestehende Terrasse, in deren Mitte ein kleiner Springbrunnen lustig plätscherte. Doras Augen schweiften über das Pa­norama. Sie sah Gäste in eleganter Kleidung an den verschiedenen Tischen sit­zen und fröhlich plaudern. Von hier aus konnte man auch in den Park hinüber­sehen, wo sich die einfachen Bürger tummelten, zu denen sich Dora auch zählte. Der Grund ihres Hier seins lag in ihrem Auftrag, den ihr Beruf brachte, veran­kert und nicht in einer hohen gesellschaftlichen Stellung.

Dora fiel eine junge Frau auf, etwa zwanzig Jahre alt, die etwas abseits der anderen stand und erstaunt das Geschehen betrachtete. Was an ihr auffällig war, dass ihr rotes Ballkleid zwar durchaus schön war, aber nicht zu der Preiskatego­rie der oberen Schicht gehörte. Irgendwie gehörte sie nicht hierher. Aber sie war äußerst gutaussehend, das musste Dora neidlos anerkennen. Schlank, langes blondes Haar und einen hellen Teint. Dora fragte sich, warum noch kein Mann sie angesprochen hatte.

Die Reporterin fasste sich ein Herz und ging auf sie zu. „Hallo. Ich bin Dora Winter“, stellte sie sich vor.

„Ich bin Susanne Wiesenhof“, sagte die Angesprochene leise.

„Wir könnten uns doch duzen“, schlug Dora vor.

Als Susi nichts dagegen hatte, fragte ihr Gegenüber neugierig: „Bist du das erste Mal auf dem Sommerfest?“

„Ja“, antwortete Susi zögernd, aber erfreut, dass sie jemand ansprach.

„Mir geht es genauso“, sagte Dora. „Meine Schwester Dina und ich sind Journalistinnen und sollen über diesen Abend einen Artikel für die Titelseite der “Königsstadt Allgemeinen Zeitung“ schreiben. Da dies unser erster großer Auf­trag ist, sind wir auch zum ersten Mal hier.

Dora fiel auf, dass Susanne noch nicht viel gesagt hatte und fragte deshalb: „Und wie bist du hierher gekommen?“

„Ich wurde von Oswalds Neffen eingeladen“, antwortete Susi. Und das war auch nicht gelogen. Hoffentlich kannte Dora Ulis Alter nicht.

„Aber ich komme aus einem einfachen Elternhaus und arbeitete derzeit im Hotel Excelsior.“

„Mir geht es genauso“, stellte Dora fest. „Nur sind meine Eltern in die USA gezogen, während Dina und ich hier geblieben sind und erst bei Verwandten wohnten und jetzt in einer eigenen Wohnung in Siebenbusch“.

Susi wollte sich liebend gerne mit Dora unterhalten, doch hatte sie Angst, dass die Tatsache aufflog, dass sie nicht eingeladen worden warB und der minderjährige Nef­fe des Gastgebers sie mitgebracht hatte.

Dora sah auf ihre Uhr und stellte fest, dass es Zeit war ihre Schwester zu su­chen, wenn sie sich rechtzeitig auf die Rede des Präsidenten vorbereiten woll­ten.

„Entschuldige mich“, sagte Dora. „Ich muss mich auf die Rede von Präsident Boss vorbereiten. Aber vielleicht sehen wir uns noch heute Abend.“

„Das wäre nicht schlecht. Dann können wir uns ausführlicher unterhalten“, sagte Susi und war innerlich froh, dass sie keinen Verdacht geweckt hatte.    

 

Präsident Boss richtete sich auf, als er die Bühne betrat und ließ die Augen über Reiche und Mittelständler gleiten, die jetzt gemischt auf einer Wiese neben der Terrasse standen und ihn erwartungsvoll anblickten.

„Bürger und Bürgerinnen“, rief Boss ins Mikrofon. „Uns steht ein Neuanfang bevor. Bisher ist vieles schlecht gelaufen. Korruption, Geldwäsche und Unge­rechtigkeit gab es in Hülle und Fülle und ich war daran nicht ganz unschuldig. Doch jetzt wird alles anders werden. Mit der neuen Regierung werden wir dem ein Ende setzen. Wir werden alles dafür geben, um dieses Land in den letzten zwei Monaten, die uns noch bleiben, gerecht zu regieren und am liebsten auch darüber hinaus, wenn wir wiedergewählt werden. Ob arm oder reich, alle sollen etwas vom Reichtum des Landes haben!“

Jubel wogte in der Menschenmenge auf. Doch als Boss Oswald Bauer und Michael Steinberg, als neue Regierungsmitglieder vorstellte, brandete der Applaus los und die Freude der Menschen kannte keine Grenzen mehr.

„Diese Schlacht hat er gewonnen“, sagte Dina zu ihrer Schwester.

Ja, dank Mi­chael Steinberg, den er für seine Sache gewonnen hat“, spekulierte Dora

 Dina bewunderte Michael, den sie in dem gutaussehenden, jungen Mann von vorhin erkannt hatte. Aber das wollte sie ihrer Schwester auf gar keinen Fall zugeben.

Langsam ebbte der Beifall ab.

Die Bühne wurde für die Rock und Popgruppen, die jetzt spielen sollten, umgebaut.

Dora und Dina wären gerne geblieben, aber der Artikel musste endlich ge­schrieben werden. Nachdem Dina den Präsidenten interviewt und Dora die pas­senden Fotos geschossen hatte, verabschiedeten sich von Harry Hans und verlie­ßen die prächtige Villa durch das Eingangsportal.

Nun standen sie vor Gut Waldstein auf der Straße, während am Horizont die Sonne unterging. Die Straßenlaternen erleuchteten schon seit einiger Zeit den Parkplatz, doch von den Bussen, die eigentlich zwischen Gut Waldstein und Königsstadt pendeln sollten, war keine Spur zu sehen. Die beiden Reporterinnen schauten sich ratlos an, gingen auf das Haltestellenschild zu und sahen sich den Fahrplan an.

„Die Busse haben für eine Stunde den Betrieb eingestellt“, sagte Dina ent­täuscht. „Wie kommen wir jetzt zu unserem Büro?“

„Wir könnten ein Taxi rufen“, meinte Dora.

„Besser nicht. In letzter Zeit wurden Touristen öfters von Taxifahrern ausge­raubt“, entgegnete Dina lautstark.

„Dann gehen wir zu Fuß nach Waldheim und bitten Daniel uns nach Königsstadt zu bringen.“

Die beiden Schwestern waren in Waldheim, einem kleinen Dorf, das in der Nähe des Gutes lag, aufgewachsen und kannten sämtliche Wege in der Umge­bung. Aber nach Waldheim kam man nur über einen Waldweg und der war, we­gen Waldbrandgefahr, nur bedingt begehbar.

„Diesen unheimlichen Weg? Niemals!“, entgegnete Dina. „Das ist doch viel zu gefährlich!“

„Es ist Vollmond und wir sind zu zweit!“, argumentierte Dora ärgerlich, weil Dina sich immer noch weigerte. „Außerdem ist der Wald, durch die vielen Polizisten vor und auf dem Gut, sicherer wie nie zuvor.“           

Dieses Argument überzeugte Dina dann doch noch. So schlenderten sie die alte Buchenallee vor dem Gut entlang. Auf ihrer linken Seite lagen Getreidefelder und rechts befand sich der Schönwald. Die geteerte Straße endete nach einigen Metern in einer Wendekurve. Einzige Möglichkeit war nur noch der geerdete Waldweg zu ihrer Rechten. Die beiden Schwestern bogen schweigend auf diesen Weg ein. Alte Baumriesen standen am Wegesrand und warfen bedrohliche Schatten. Zwar war Vollmond, wie Dora gesagt hatte, aber das dichte Blätterdach der Bäume ließ nur wenig Licht hindurch. Dina bereute bereits, dass sie nachgegeben hatte. Sie bewunderte ja den Mut ihrer Schwester, aber diesmal war sie zu weit gegangen.

Die Atmosphäre des Waldes wirkte bedrohlich, unheimlich und gespenstisch. Einige Äste der am Wegesrand stehenden Bäume schienen nach ihnen greifen zu wollen.

Dora machte die unheimliche Stimmung nichts aus, denn es war nicht das erste Mal, dass sie hier entlanggingen. Der Schönwald wirkte nur manchmal bedroh­lich.

Dina hatte sich jedoch nie damit anfreunden können und hatte diesen Weg schon als Kind gemieden, wenn sie es konnte. Und da war noch der Streit von eben, der zwischen Dora und Dina stand.

„Entschuldigung, wenn ich dich dazu gedrängt habe, mitzukommen“, sagte Dora und sah ihrer Schwester in die Augen. „Ich hätte wissen müssen, dass du diese Passage nicht ausstehen kannst.“

„Ist schon in Ordnung“, lamentierte Dina und blieb auf einmal stockend stehen.

Links neben ihnen war ein neuer Weg zu erkennen, den die beiden noch nie ge­sehen hatten. An dieser Stelle waren die Bäume gefällt und das Untergestrüpp entfernt worden. Jemand hatte hier eine Bresche durch den Wald geschlagen. Aber wer konnte das gewesen sein. Dora bückte sich. Auf dem weichen Waldbo­den erkannte sie die Profile verschiedener Reifenspuren, die höchst wahrschein­lich von großen LKWs stammten. Nun waren motorisierte Fahrzeuge im Wald verboten und wegen der Waldbrandgefahr durften noch nicht einmal forstwirt­schaftliche Fahrzeuge hier entlang fahren. Und die Spuren waren noch nicht alt.

„Das müssen wir uns mal ansehen“, sagte Dora. Ihr journalistischer Instinkt kam in ihr hoch. „Denn eines ist klar, wer auch immer hier entlanggefahren st, hat unrechtmäßig gehandelt.“

„Aber der Oberförster hat doch verboten tiefer in den Wald zu gehen. Du weißt schon, wegen der Waldbrandgefahr“, entgegnete Dina empört.

„Das weiß ich“, antwortete Dora ärgerlich. „Aber hier hat jemand gegen eine Anordnung verstoßen. Also muss ich der Sache auf den Grund gehen!“

Dina seufzte, denn wie sollte sie ihre Schwester zur Einsicht bringen?

„Dann gehe ich alleine weiter“, sagte sie dann und machte sich auf den Weg nach Waldheim.

Dora dagegen betrat entschlossen den Pfad. Sie hob ihr Kleid an, als sie über einige verstreut liegende Äste stieg. Schnell folgte sie dem Weg der etwa hundert Meter durch den Wald führte. An ihrem Ende befand sich eine größere Lichtung. Überrascht entdeckte Dora einige Baracken, die auf der gegenüberlie­genden Seite standen. War hier ein Holzfällercamp oder gar ein Asylanten­wohnheim errichtet worden? Das war höchst unwahrscheinlich, wenn der Wald wegen Waldbrandgefahr gesperrt war. Vorsorglich nahm Dora ihre Kamera her­vor und stellte sie auf Nachtsichtfunktion ein. Dann fotografierte sie das Lager aus verschiedenen Positionen.

Als sie sich umdrehte und den Pfad wieder zurückgehen wollte, trat auf einmal ein Mann aus dem Gebüsch und packte sie am Arm. Er leuchtete ihr mit seiner Taschenlampe ins Gesicht, so dass sie ihn nicht sehen konnte.

„Na Schnecke“, sagte er lüstern. „Willst du mir meine Stunden hier versüßen. Komm gehen wir gemeinsam ins Gebüsch. Ich will dir zeigen, was ich kann!“

Totenblass sah Dora abwechselnd auf den Mann und auf sein Gewehr, dass er über seine Schulter hängen ließ.

Als er die Taschenlampe einen Augenblick senkte, erkannte Dora, dass der Mann eine blaue, militärische Uniform trug. Es war nicht die Uniform eines kö­nigsländischen Soldaten, von denen es ohnehin nur 1000 gab, und auch keine der Nachbarländer Bergenreich und Küstenland. Allerdings sprach er mit dem breiten Akzent eines Küstenländers.

„Lassen Sie mich in Ruhe!“, schrie Dora mir schriller Stimme. „Oder haben Sie nichts anderes zu tun, als hilflose Frauen im Wald anzupöbeln?“

Der Soldat verstärkte den Druck auf ihren Arm, so dass Dora entsetzt aufschrie.

„Zurzeit habe ich nichts Besseres zu tun. Und wie willst du mir drohen?“, fragte der Soldat lässig. „Also willst du es freiwillig oder brauchst du Zwang!“

Sein Tonfall wurde drohender.

In diesem Augenblick rief Dina nach ihr. Warum war sie ihr nur gefolgt, fragte sich Dora hilflos. Hoffentlich kam sie nicht näher.

„Dina, lauf weg“, schrie Dora.

Die Schrecksekunde ihres Gegners nutze Dora aus und riss sich los. Als er sie wütend anspringen wollte, warf sie sich blitzschnell zur Seite und brachte ihn mit einem gut platzierten Tritt zu Fall. Ihr Feind stürzte und schlug mit dem Kopf hart auf einem Felsbrocken auf, wo er bewusstlos liegen blieb. Dora starrte fassungslos auf den Mann, der sie hatte vergewaltigen wollen und nun re­gungslos dalag. 

Gut dass sie den Selbstverteidigungskurs der “Allgemeinen“ mitgemacht hatte.

Dora betete kurz in ihrem Inneren: „Danke, Gott dass du mich bewahrt hast.“

Jetzt musste sie schleunigst verschwinden, denn in den Baracken ging das Licht an. Man schien die Schreie von draußen gehört zu haben.

Dora war klar, dass die Soldaten zuerst den Weg absuchen würden und hoffte, dass Dina sich versteckt hielt. Also rannte sie in den Wald und warf hinter der ersten Baumreihe ihre Stöckelschuhe fort. Zwar war sie jetzt schneller dafür rissen Dornen und spitze Steine ihr die Füße blutig.

Hinter sich hörte sie erschrockene Rufe, als die Soldaten ihren bewusstlosen Kameraden fanden. Schon nach kurzer Zeit teilten sie sich in Gruppen auf und suchten das Gelände  systematisch ab.

Plötzlich blieb Dora mit ihrem Rock an Dornengestrüpp hängen.

„Gott hilf mir“, stöhnte sie und riss sich mit der Kraft ihrer Verzweiflung los.

Hoffentlich hatten die Soldaten keine Hunde dabei, denn sonst wäre die Jagd schnell beendet. Und wer würde ihr glauben, dass sie nur aus Notwehr gehan­delt hatte. Dora hastete weiter, als plötzlich ein Warnschuss ertönte.

„Stehen bleiben!“, schrie eine Männerstimme aus weiter Entfernung.

Dora wechselte die Richtung und rannte nun von der Richtung des Weges weg. Ihre Lungen schienen vor Anstrengung platzen zu wollen. Dora war nie gut im Laufen gewesen. Dina war immer die Schnellere und Sportlichere der beiden gewesen.

Deshalb wusste Dora, dass sie nicht mehr lange weiterlaufen konnte.

Plötzlich pfiff eine Kugel an ihr vorbei und traf einen Baumstamm. Rinde spritze auf und traf sie im Gesicht. Wahrscheinlich hatte man sie gar nicht tref­fen wollen und der Schuss war wohl nur ein weiterer Warnschuss. Doch wenn sie weiterlief würde es nicht so bleiben.

Doch Dora wollte entkommen, raffte sich zusammen und lief weiter, während mittlerweile schon fünf Bewaffnete sie verfolgten. Plötzlich stolperte Dina über eine große Baumwurzel und fiel in eine kleine Mulde. Sie war am Ende. Jetzt war alles vorbei, dachte sie.

Ihr Kleid war zerrissen, Schrammen bedeckten ihren ganzen Körper. Und die Hoffnung zu entkommen, hatte sie aufgegeben.

Die Verfolger kamen näher, aber vielleicht konnte sie Dina noch warnen. So holte sie ihr Handy hervor, das sie in ihrer Tasche aufbewahrt hatte. Doch hier im Wald gab es keinen Empfang und der Schein von Taschenlampen wurde sichtbar.

Wie Espenlaub zitternd betete Dora ein Stoßgebet: „Jesus, bitte lass sie Dina nicht finden. Ich bin Schuld und habe sie in diese Situation gebracht. Mach, dass sie sich mit mir zufrieden geben.“

Plötzlich hörte sie Schritte, die vor der großen Wurzel, über die sie gestolpert war, stehen blieben. Sie sah, wie die Umgebung abgeleuchtet wurde und erwartete jeden Augenblick ihre Entdeckung.

Doch dann hörte sie eine laute Stimme: „Hier ist niemand und in der Dunkelheit werden wir sowieso niemanden finden.“

„Ja, hoffen wir, dass der Schrecken ausgereicht hat, damit unser Lager weiterhin geheim bleibt“, bekundete eine zweite Stimme.

Atemlos hörte Dora wie die Schritte sich langsam entfernten.

„Danke, Herr, dass sie mich nicht gefunden haben“, betete sie und wartete noch eine Weile.          

 Dann stand sie auf und reckte ihre schmerzenden Glieder. Ihre Lunge schmerzte noch immer und sie fühlte Schmerzen am ganzen Körper. Doch wo war ihre Kamera? Hatte sie diese verloren?

Dora tastete den Boden ab und fand sie bald. Sie musste sie fallen gelassen ha­ben. Ob sie noch funktionstüchtig war, schien nicht mehr von Bedeutung zu sein. Aber sie musste nun ihre Schwester finden. Dora wusste nicht einmal mehr, wo sie war und ging einfach in die Richtung, wo sie den Waldweg nach Waldheim vermutete. Glücklicherweise fand sie ihn wieder und sah sich um. War Dina noch hier, hatte man sie gefasst oder war sie ganz in Sicherheit? Dora wollte nicht laut rufen, da sie nicht wusste, ob noch Soldaten in der Nähe waren.

Plötzlich trat ein Schatten aus dem Gebüsch. Erschrocken sah sich Dora um und sah erleichtert Dina hervorkommen. Weinend umschlossen sich die beiden zu einer Umarmung.

„Du bist auch ent­kommen?“, fragten beide gleichzeitig, während sie eilig den Wald verließen.

Dora erzählte ihre Geschichte.

Dann berichtete Dina: „Zunächst war ich sauer auf dich und bin weitergegan­gen. Doch dann machte ich mir große Sorgen und bin dir gefolgt. Als ich dich mit dem Mann gesehen habe, rief ich so laut ich konnte, was ihn, wie du sagtest glücklicherweise verunsichert hat. Als du wegranntest bin ich dir gefolgt, musste aber wegen der Soldaten meine Richtung ändern. Dann wurde ich von einer anderen Gruppe verfolgt, die mich fast geschnappt hätte, wenn sie nicht einem aufgescheuchten Reh gefolgt wären, bis sie zurückgerufen wurden.“

Endlich wurden die Lichter der Häuser und Straßenlaternen von Waldheim sichtbar, als die Schwestern aus dem Wald traten. Rechts tauchte das Haus des Försters auf und links das Gelände einer Speditionsfirma.

„Gott sei Dank“, sagte Dina und sie meinte es äußerst ernst.

 

Auf Gut Waldstein war die Absperrung zwischen Reichen und Mittelstand wieder aufgerichtet worden. Während die zweite Veranstaltung nun beendet war, ging es in der Villa erst richtig los. Zwar meinten einige von ihnen Schüsse gehört zu haben, doch beunruhigt hatte es keinen. Vielleicht waren im Schönwald Jäger auf der Jagd. Dass im Schönwald zurzeit nicht gejagt werden durfte und es sowieso zu dunkel dafür war, interessierte niemanden.

Im großen Tanzsaal sang der Softpop Sänger Marc Delano und auf dem Parkett tanzten zu den weichen, rhythmischen Klängen einige Paare. Uli, der sich die ganze Zeit versteckt gehalten hatte, schlich sich vorsichtig in den Raum. Sein Onkel Oswald war mit Michael befreundet und der war wie ein großer Bruder für ihn. Manchmal, wenn es auch nicht sehr häufig war, half ihm Michael bei den Hausaufgaben. Uli wusste, dass Michael noch keine Tanzpartnerin hatte und daher auch nicht im Tanzsalon anzutreffen war. Und er wusste dass Susi am Rande des Tanzsalons stand, ebenfalls ohne Tanzpartner. Uli wollte die beiden zusammenbringen. Er kannte Sibilla Weissendorn, Michaels Ex-Freundin, als eine arrogante Frau. Doch war Susi ganz anders. Sie hatte sich bereitwillig mit ihm, dem kleinen Jungen, unterhalten, auch wenn sie nicht gewusst hatte, dass er Oswalds Neffe war.

Uli wartete den Augenblick ab, wo sein Onkel den Saal durch die gegenüberliegende Tür verließ. Dann rannte er los und suchte in den verschiedenen Salons nach Michael. Der Junge fand ihn im gelben Salon im Gespräch mit einem Gast.

„Du musst mitkommen“, rief Uli und ergriff Michaels Hand.

„Stör mich jetzt nicht. Ich bin in ein Gespräch vertieft“, erwiderte Michael ungehalten.

„Onkel Oswald hat dich gerufen“, log Uli.

„In Ordnung“, meinte Michael, entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner und folgte dem Jungen.

Uli führte ihn zum Tanzsalon.

„Er ist links in der Ecke.“

Als Michael eintrat, wurde er sofort von vielen Leuten umringt. Das sah Uli aus seinem neuen Versteck hinter einer Säule.

Michael ging zielstrebig in die angegebene Ecke und schien Oswald nicht zu finden. Uli erkannte, wie er sich suchend umsah. Dabei stand Michael nur noch einen Meter von Susi entfernt. Uli stöhnte auf. Warum nahm er sie nur nicht wahr?

Doch urplötzlich sprach Michael die junge Frau an. Sie unterhielten sich einige Zeit.

Es jubelte in Ulis Inneren. Er hatte es geschafft.

 

Ein gutaussehender, junger Mann, der sich eine Zeitlang im Tanzsalon suchend umgesehen hatte, drehte sich zu Susi um. Und es war auch noch der, den Präsi­dent Boss während seiner Rede als Michael Steinberg vorgestellt hatte.

Ihr Herz schlug höher. Was wollte er von ihr?

„Haben Sie vor kurzer Zeit Oswald Bauer gesehen?“, fragte der Mann.

„Nun, leider nicht“, erwiderte Susi. Dass sie Oswald noch nie zu Gesicht bekommen hatte, ließ sie natürlich weg.

Ihr Gegenüber schien sich über etwas zu ärgern. Dann fragte er unvermittelt: „Sie haben auch noch keinen Tanzpartner?“

„Ja, aber Sie dürfen mich ruhig duzen“, antwortete Susi.

„Mich kennst du bestimmt schon, aber wie heißt du?“, fragte Michael neugierig.

„Susanne Wiesenhof, aber meine Freunde nennen mich Susi“, antwortete sie.

„Darf ich dich zum Tanz führen?“, fragte er.

„Gerne“, sprach Susi. „Marc Delano ist mein Lieblingssänger!“

„Mir gefallen auch einige seiner Lieder“, sagte Michael.

Michael sah Susi an. Sie gefiel ihm wirklich, denn sie erschein ihm äußerst attraktiv. Doch warum kannte er sie noch nicht und warum hatte sie noch niemand zum Tanzen aufgefordert?

Michael und Susi betraten den Parkettboden, als Marc Delano ein neues Lied zu singen begann. Susi nahm die Pracht des Saales kaum noch wahr. Die marmor­nen Säulen, die prunkvolle Stuckdecke und der vergoldete Kronleuchter waren wie in einer anderen Wirklichkeit. Sie war auf einer Party der Reichen und tanzte mit einem gutaussehenden Mann zu ihrem Lieblingslied „When love comes in my heart“ von Marc Delano. Was konnte es noch besseres geben. Ja, sie hatte sich in ihn verliebt. Liebe auf den ersten Blick, konnte man wohl sagen.

Michael faszinierten Susis träumerische Augen, als sie sich im Takt der Musik bewegten. Er mochte sie sofort, aber er wusste nicht, ob er sich näher auf sie einlassen wollte. Seine letzte Beziehung lag noch nicht lange zurück und hatte schmerzlich für ihn geendet.

Michael nahm auch Oswald, Präsident Boss und General Weissendorn wahr, die gerade den Tanzsaal gemeinsam betreten hatten.

Außerdem sah er, wie das Kindermädchen Uli endlich fand und ihn unter dessen Protest wegführte. Der kleine Schlingel hatte wohl alles hier eingefädelt.

Nachdem Marc Delano geendigt hatte, wurden alte Walzer gespielt. Michael brachte Susi die Tänze bei und endlos tanzten sie, während der Uhrzeiger auf Mitternacht vorrückte. Als die letzten Töne des Orchesters verklungen waren, schien der Zauber des Abends vorüber zu sein. Aber in Susis Herzen klang er noch endlos nach.

Die meisten Gäste machten sich nun auf den Heimweg. Am Ausgang warteten Oswald und Präsident Boss, die dort die Menschen persönlich verabschiedeten. Michael begleitete Susi auf dem Weg nach draußen.

Schüchtern ließ sich Susi von Oswald die Hand reichen. „Wer ist denn diese junge Dame?“, fragte er Michael neugierig, aber keinesfalls ablehnend.

„Das ist Susanne Wiesenhof“, antwortete er und Susi lächelte ihm zu.

Glücklicherweise wandte sich der Gutsbesitzer dann den nächsten Gästen zu. Aber dann kam der Präsident noch an die Reihe. Zum Abschied sagte er zu Mi­chael: „Bringen Sie ihre charmante Begleiterin doch in drei Wochen zum Pres­seball mit!“

Dabei zwinkerte er Susi mit den Augen zu.

Michael und Susi traten in die Nacht hinaus. Susi wusste, dass sie ihm sagen musste, dass sie nicht zur Prominenz gehörte und nur durch Zufall auf die Feier geraten war. Doch sie traute sich nicht es ihm zu sagen.

Michael wunderte sich, dass Susi nicht am Parkplatz auf dem Gutshof hielt, aber vielleicht hatte sie ja ein Taxi genommen. Eigentlich wollte er sie weiterbegleiten, doch Susi lehnte es ab.

„Ich komme schon alleine klar“, sagte sie.

Mit einem warmen Händedruck verabschiedeten sich die beiden. Susi ent­schwand Michaels Blick in die Dunkelheit der Nacht.

Als Michael zurückging, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er sie noch nicht einmal nach ihrer Adresse gefragt hatte. Ja, er sehnte sich im Tiefsten nach einer Partnerin fürs Leben. Und wenn Susi die Richtige für ihn war, dann hatte er sie ohne weiteres gehen lassen. Seufzend stieg Michael die Stufen zum Guts­haus hinauf.